Verschiedene Textstellen in der Odyssee geben Hinweise darauf, welche Rolle die Frau in der antiken griechischen Kultur spielte.
In Kapitel 16 (Gesang 16) beispielsweise erklärt Telemachos einem verkleideten Fremden, Odysseus, dass er sich in einer Krise befindet, weil seine Herrschaft ihm genommen werden könnte. Der Fremde, Odysseus, zählt daraufhin verschiedene Gründe auf, die für Machtkämpfe verantwortlich sein können. Aber Telemachos erklärt ihm, dass es sich hierbei um Freier handelt, die um seine Mutter werben und seine grösste Sorge ist, dass seine Mutter nicht weiss, wie und «ob» sie sich den Freiern entziehen soll.

Diese Stelle kann als Quelle für die Denkweise der Griechen und ihre Einstellung gegenüber der Frau herangezogen werden. Der Sohn hat kein Vertrauen in seine eigene Mutter und befürchtet, dass sie einen anderen Mann heiratet, ihn allein lässt und ihn von seinem Eigentum beraubt. Der Autor beschreibt damit, dass die Frauen, selbst wenn sie Kinder haben, nicht vertrauenswürdig, nicht loyal und leicht beeinflussbar sind. Sie sind dem unterwürfig, der ihre Bedürfnisse erfühlt und können sich von alten Beziehungen schnell abwenden. Telemachos redet darüber mit einem Fremden, den er gerade erst kennengelernt hat. Er vertraut ihm anscheinend mehr als seiner eigenen Mutter, um ihm solche Informationen preiszugeben. Der Grund, warum das Heiraten der Mutter Telemachos Herrschaft und Eigentum streitig macht, geht auf die patriarchalen Prinzipien zurück, auf denen die griechische Gesellschaft basiert. In dieser Gesellschaft hat immer der Mann die Macht. Wenn die Königin einen neuen Mann heiratet, wird dieser der neue König und Kinder aus früheren Beziehungen verlieren ihr Recht auf den Thron. Diese Herrschaftsfolge und die beschriebene Untreue der Frauen bedeuten für Telemachos eine konstante Gefahr, denn durch eine neue Heirat seiner Mutter könnte er die Herrschaft und sein Eigentum jederzeit verlieren. Die Textstelle verdeutlicht somit die misogyne Denkweise des antiken Griechenlands.
Die Unterordnung der Frau galt im antiken Griechenland als normal und wurde darum in vielen Geschichten und Mythen beschrieben. Aus heutiger westlicher Sicht ist dies eine frauenfeindliche Ansichtsweise. Frau und Mann sind für mich gleichberechtigt und keines der beiden Geschlechter sollte dem anderen untergeordnet sein. Körperbau, Verhalten und Denkweisen von Mann und Frau mögen verschieden sein, jedoch kann man keine Charaktereigenschaften eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Neben dem antiken Griechenland gibt es eine Vielzahl anderer patriarchaler Kulturen, in denen die Frau eine untergeordnete Rolle hat. Für mich jedoch sind die Unterschiede kein Grund für eine Diskriminierung, was die Sichtweise der antiken Griechen und anderer patriarchaler Kulturen für mich falsch und ungerecht erscheinen lässt.